Immer mehr Menschen, vor allem Kinder, leiden an Kurzsichtigkeit. Studien belegen nun die Wirksamkeit von Atropin-Augentropfen. Zwar können diese die Kurzsichtigkeit nicht heilen, aber die Zunahme der Fehlsichtigkeit hemmen.
Atropin

Es fängt oft in der Schule an. Der Schüler oder die Schülerin kann nicht mehr gut in die Ferne sehen. Das, was der Lehrer an die Wandtafel schreibt, ist kaum mehr lesbar. Und dann kommt mit dem Arztbesuch die Gewissheit: Das Kind ist kurzsichtig. Und damit ist es nicht alleine.

Derzeit beobachten Augenärzte überall auf der Welt eine Zunahme der Myopie, wie die Kurzsichtigkeit in der Fachsprache genannt wird. Die Kurzsichtigkeit hat viele Ursachen: Im Vergleich zu früher verbringen Kinder und Jugendliche heute viel mehr Zeit drinnen statt draussen. Sonnenlicht ist allerdings sehr wichtig für unsere Augen. Möglicherweise wird die Kurzsichtigkeit auch durch die Nutzung von neuen Medien wie Handys, Tablets und PC gefördert.

Doch was heisst eigentlich kurzsichtig sein? Die Kurzsichtigkeit ist im Grunde nichts anderes als ein Abbildungsfehler, bei dem man entfernte Objekte unscharf sieht und nahe Objekte scharf – man ist eben «kurz-sichtig». Zwei Faktoren sind für die fehlerhafte Abbildung im Auge verantwortlich:

  • Achsenmyopie: der Augapfel ist zu lang (häufigste Ursache bei Kindern)
  • Brechungsmyopie: die Brechkraft ist zu stark

Beides hat zur Folge, dass das Bild, das die Augen wahrnehmen, vor statt auf die Netzhaut projiziert wird. Kinder mit kurzsichtigen Eltern sind zusätzlich vorbelastet.

Wirkung schon lange bekannt

Eine Myopie kann durch eine Sehhilfe, zum Beispiel Brille oder Kontaktlinse, gut korrigiert werden. Zu den gläsernen Korrekturen kann die Anwendung von Atropin Augentropfen im Kindesalter die Zunahme der Kurzsichtigkeit etwas verlangsamen. Dass Atropin wirkt, ist seit geraumer Zeit bekannt. Allerdings hat man bisher häufig darauf verzichtet, weil es unangenehme Nebenwirkungen wie Lichtempfindlichkeit auslöste. Vor ein paar Jahren gelang es Forschern jedoch, die Nebenwirkungen auszumerzen, sodass die Tropfen in sehr geringer aber wirkungsvoller Konzentration immer häufiger zum Einsatz kommen. In Studien in asiatischen Ländern wurden die Wirksamkeit und die Verträglichkeit dieses Medikaments hinreichend bewiesen.

Doch empfiehlt es sich wirklich, Kinder mit Atropin zu behandeln? Hierzu geben die beiden Augenärzte der Vista, Murali Krishnan und Philemon Bauer Auskunft:

Würden Sie Atropin bei Kindern, die kurzsichtig sind, empfehlen?

Murali Krishnan und Philemon Bauer: Ja, Atropin ist eine erfolgversprechende Therapieoption bei Kindern, die an einer zunehmenden Kurzsichtigkeit, sprich Myopie, leiden – vor allem, wenn die Eltern bereits kurzsichtig sind oder ein Fall von Kurzsichtigkeit in der Familie vorliegt. Heutzutage ist Kurzsichtigkeit bei Kindern überall auf der Welt ein zunehmendes Problem, das durch den modernen Lebensstil verstärkt wird. Auch höhere Kurzsichtigkeiten von minus zehn Dioptrien oder mehr nehmen kontinuierlich zu. Bei solchen Werten kann das Auge auch strukturelle Veränderungen durchmachen. Damit steigt das Risiko für Augenerkrankungen wie Netzhautablösung oder erhöhter Augeninnendruck. Die Therapie mit Atropin-Augentropfen hat bisher gute Ergebnisse bei geringem Nebenwirkungsprofil gezeigt.

Wie wirken die Augentropfen?

M.K.: Der exakte Mechanismus ist nicht bekannt und wird verschiedentlich untersucht. Eine der Theorien ist, dass das Medikament über die Reduktion der Naheinstellungsreaktion, sprich der Akkommodation wirkt. Auf jeden Fall ist die Wirksamkeit von Atropin zur Reduktion der Myopie-Zunahme mehrfach in verschiedenen grossen Studien bewiesen worden.

Also kann die Kurzsichtigkeit mit diesen Tropfen geheilt werden?

P.B.: Nein, die Kurzsichtigkeit an sich kann mit dieser Therapie nicht geheilt werden. Das Ziel der Therapie ist es, die Zunahme der Kurzsichtigkeit zu verlangsamen, sodass die endgültige Kurzsichtigkeit minimiert werden kann.

Natürlicher Wirkstoff - aber Vorsicht!

Atropin ist ein natürlicher Wirkstoff und kann medizinisch vielfach genutzt werden. Gewonnen wird er aus Nachtschattengewächsen wie der Tollkirsche, dem Stechapfel oder der Engelstrompete. Beide Pflanzen sind hochgiftig. Atropin sollte nie unkontrolliert oder ohne Rücksprache mit dem Arzt eingenommen werden.
Ab welchem Alter sollte mit der Atropin-Behandlung begonnen werden?

M.K.: In der Regel ist eine Therapie möglich, wenn eine zunehmende Kurzsichtigkeit festgestellt wurde. Meist ist dies ab dem fünften oder sechsten Lebensjahr der Fall. Ein Therapiebeginn ist jedoch auch früher oder später möglich.

Tollkirsche_Belladonna

Im Mittelalter war bei Frauen die Einnahme geringer Mengen der giftigen Tollkirsche zur Vergrösserung der Pupillen weit verbreitet. Von daher kommt auch ihr Name Belladonna.

Haben die Augentropfen irgendwelche Nebenwirkungen? Wann sollten sie nicht angewendet werden?

P.B.: Die verwendete Dosis von 0,01 Prozent Atropin hat ein sehr geringes Nebenwirkungsprofil. Die in dieser Konzentration beschriebenen Nebenwirkungen beschränken sich auf eventuelle allergische Reaktionen bei längerem Gebrauch. In asiatischen Studien wurden bei Konzentrationen von etwa 0,5 Prozent gegebenenfalls Lichtempfindlichkeit, Kopfschmerzen oder Schwierigkeiten beim Lesen beschrieben. Die Konzentration von 0,01 Prozent ist ähnlich wirksam, hat jedoch bisher keine dieser Nebenwirkungen gezeigt. Beim Vorliegen von Herz-Kreislauferkrankungen muss man vorsichtig sein und das Medikament darf nur unter kinderärztlicher Kontrolle verwendet werden.

Kann Atropin die Brille ersetzen oder muss diese während der Behandlung  trotzdem getragen werden?

M.K.: Nein, Atropin-Augentropfen ersetzen die Brille nicht. Das Kind muss die Brille während der Therapie also konsequent tragen.

Wie lange dauert eine Behandlung? Ein Leben lang oder werden die Tropfen irgendwann abgesetzt?

P.B.: Drei Monate nach Therapiebeginn findet die erste Kontrolle statt, um mögliche Nebenwirkungen zu erkennen und die Praktikabilität im Alltag einzuschätzen. Danach wird alle sechs Monate eine Untersuchung durchgeführt. Nach zwei Jahren kann man eine Therapiepause einlegen. Die Studie über Atropin zur Behandlung der Myopie bei asiatischen Kindern– kurz ATOM-Studie (Atropine for the Treatment Of Myopia) – hat eine Therapiepause und Evaluation bezüglich einer Myopie-Zunahme nach zwei Jahren empfohlen. Steigt die Kurzsichtigkeit nach dem Absetzen deutlich an, beginnt man wieder mit der Therapie bis zum Sistieren der Kurzsichtigkeitszunahme oder bis spätestens zum Ende der Wachstumsphase des Auges, die sich etwa im 16. bis 18. Lebensjahr einstellt.

Fazit: Abschliessend lässt sich sagen, dass Atropin-Augentropfen zwar die Myopie bis zu einem gewissen Grad tatsächlich ausbremsen kann, allerdings nur solange sich die Augen im Wachstum befinden. Hat sich die Kurzsichtigkeit einmal eingependelt – was meist im Erwachsenenalter geschieht – kann sie nicht mehr rückgängig gemacht werden. Das bedeutet, dass das Atropin das Sehvermögen bei Kindern verbessern kann, nicht aber bei Erwachsenen. Allerdings wurde die Wirkung von Atropin bei Erwachsenen bisher auch noch nicht hinreichend untersucht.

Florencia Figueroa

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