In Zeiten hochsommerlicher Temperaturrekorde treten wieder viele Fata Morganas auf. Aber was ist das eigentlich?

Plötzlich liegt mitten auf der Strasse eine Wasserpfütze. Obwohl sie wissen, dass dort kein Tropfen ist. Oder Sie können nicht mehr unterscheiden, was Hügel ist und was Seeoberfläche, wenn Sie die Aussicht geniessen. Teile der Aussicht scheinen zu fliegen. Seien Sie unbesorgt – Sie halluzinieren nicht. Und Sie haben auch keinen Sonnenstich! Denn Halluzinationen lassen uns Dinge sehen, die es nicht gibt. Eine Fata Morgana hingegen ist die Spiegelung von Existierendem. Es handelt sich um ein physikalisches Phänomen, nicht um eine optische Täuschung.

Am häufigsten sieht man Fata Morganas über Strassen. Der Teer heizt die Luft auf, die warme Luft steigt auf und trifft dann auf kühlere Luftschichten. An der Grenze zwischen kühleren und heissen Luftschichten wird das Sonnenlicht in alle möglichen Richtungen weggebrochen. So entsteht der Eindruck von Wasserpfützen, in denen sich Autos oder Landschaften spiegeln.

Fata Morgana am Himmel

Je nach Umgebung können diese Spiegelungen auch am Himmel sein, wenn heisse und kalte Luft in der Höhe aufeinandertreffen anstatt in Bodennähe. Dies kommt oft in der Wüste vor. Erstmals erforscht wurde dieses Phänomen 1798 in Ägypten vom französischen Physiker Gaspard Monge. Doch nur, weil wir längst wissen, wie Fata Morganas zustande kommen, heisst das noch lange nicht, dass sie nicht mehr sagenumwoben sind.

Eine Fee namens Morgana

Der Begriff «Fata Morgana» kommt aus dem Italienischen und bedeutet «Fee Morgana». Die Fee Morgana ist eine Figur aus der mittelalterlichen Sagenwelt. Sie wohnte auf einer unerreichbaren Insel. Kein Wunder, war die Insel unerreichbar – handelt es sich doch um Luftspiegelungen, die nie im Leben jemand betreten wird.

Entstanden ist der Ausdruck in der Region um die Strasse von Messina, eine Meerenge zwischen dem italienischen Festland und der Insel Sizilien. Dort traten solche Spiegelungen besonders häufig auf.

Seemannsgarn

Doch auch in anderen Meeren treiben Fata Morganas ihr Unwesen. In der Seemannssprache gibt es sogar ein spezielles Wort dafür: Fliegende Holländer. Ein Begriff, der Karriere gemacht hat.

Sei es Wagners Oper «Der Fliegender Holländer» oder das Geisterschiff aus dem Film «Pirates of the Caribbean» mit Johnny Depp: Es ranken sich viele Rollen Seemannsgarn um Geisterschiffe. Nicht wenige dieser Gruselschiffe lassen sich mit verzerrten Spiegelungen realer Schiffe erklären. Kaum wurde so ein Geisterschiff gesichtet, war es auch schon wieder weg. Wenn das mal nicht gespenstisch ist und zum Fabulieren einlädt!

Je nach dem gibt es übrigens sogar auch mehrfache Spiegelungen. Die Folge: Auf offenem Meer schippert das zuerst auf dem Kopf stehende Geisterschiff plötzlich «richtig herum» durch den Himmel. Sie sehen: Die Optik spielt unseren Augen so manchen Streich!

Gregor Szyndler

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