„Der Nachbar ist mir ein Dorn im Auge“ ist eine Redewendung, die wir alle kennen und ohne lange Erklärung verstehen. Redewendungen rund ums Auge gibt es einige, doch woher stammen sie? Wir haben die geläufigsten Sprüche näher beleuchtet.

Der Gutgläubige bleibt blauäugig

Vielleicht wurden Sie auch schon von Ihrer Mutter ermahnt: „Wie kannst Du nur so blauäugig einem Fremden vertrauen?“. Blauäugige Menschen gelten als unerfahren oder übertrieben vertrauensvoll. Sie machen sich über die Folgen ihres Handelns keine Gedanken. Ausserdem stehen „blaue Augen“ für Treue und Aufrichtigkeit. Doch woher kommt diese Annahme? Angeblich geht die Redewendung auf die blauen Unschuldsaugen von Babys zurück, deren Farbpigmente auf der Regenbogenhaut noch nicht ausgeprägt und daher blau sind. Blauäugigkeit hat also auch etwas mit Unbedarftheit zu tun. Wer blauäugig ist, bewahrt sich seinen Glauben an die Menschheit.

„Liebe macht blind“: Wenn die Hormone verrücktspielen

Auch die Redewendung „Liebe macht blind“ kennen wir nur allzu gut. Wer verliebt ist, hat Schmetterlinge im Bauch und die Hormone spielen verrückt. Frisch Verliebte sehen die Fehler des anderen noch nicht, da ihr ganzer Körper von Dopamin durchflutet wird. Sie befinden sich in einer Art Rauschzustand und sehen nicht mehr klar.
Professor Thomas Loew, Leiter der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Regensburg, erklärt das Phänomen wissenschaftlich: Der Botenstoff Dopamin ist in erster Linie daran beteiligt, dass wir Glück empfinden. Wenn unser Körper mehr von diesem Hormon ausschüttet, empfinden wir ein Hochgefühl. Dopamin regt das Belohnungszentrum in unserem Gehirn an und lässt das Gefühl von Verliebtheit entstehen. Loew vergleicht die Wirkung des Hormons sogar mit einer wahnhaften Störung. Dieser Zustand kann bis zu sechs Wochen anhalten. Verliebte sind blind für die Fehler des „Objektes ihrer Begierde“, die anderen durchaus auffallen. Aber sie sind weniger „blind vor Liebe“, als blind wegen übermässigem Dopamin.

Rosarote Brillen verschönern die Welt

Wer kennt es nicht: Schon morgens eine Unfallmeldung im Radio, mittags erschüttert ein Tsunami die Medien und abends schluchzt die beste Freundin ins Telefon. Wer setzt da nicht gerne die rosarote Brille auf?

Will heissen, wir sehen Menschen oder Katastrophen in einem zu positiven, optimistischen Licht. Quasi als Selbstschutz. Dabei handelt es sich im psychologischen Sinne um eine Wahrnehmungsverzerrung. Eine psychologische Studie der Universitäten Oxford, Yale und City University London zeigt, dass Menschen nicht nur ihr eigenes Leben durch eine rosarote Brille sehen, sondern auch Fremde oder Freunde. Psychologen sprechen von einer optimistischen Wahrnehmungsverzerrung: Menschen verändern ihren Glauben an jemanden positiv, wenn sie gute Nachrichten erhalten. Jedoch ändern sie kaum ihre Meinung, wenn sie etwas Schlechtes über die Person erfahren. Sie schauen durch die rosarote Brille.

„Tomaten auf den Augen“

Die Herkunft der Redewendung „Tomaten auf den Augen haben“ ist nicht eindeutig geklärt. Allerdings gibt es mehrere literarische Quellen dazu, wie diese Redewendung entstanden sein könnte.

Wenn sich der Augapfel rot färbt

Wer müde und verschlafen ist, hat häufig rote Augen. Es scheint, als hätte man Tomaten auf den Augen. Ausserdem sorgt Müdigkeit dafür, dass wir unachtsam werden. Wer also rote Augen hat und unaufmerksam ist, könnte ebenfalls „Tomaten auf den Augen haben“.

Frucht der Sünde

Diese Herkunftsthese geht weit in die Geschichte zurück. So heißt es, dass Tomaten bis in das späte Mittelalter in Spanien als „Frucht der Sünde“ galten. Denn die roten Früchte wurden als Bestrafung für Gesetzes-, Ehebrecher und Verräter eingesetzt. Wer das Gerichtsurteil „tomates en los ojos“ erhielt, dem wurden Tomaten auf die Augen gebunden und er musste damit eine Weile herumlaufen. Für die Gesetzesbrecher war das eine öffentliche Demütigung, da nun jeder von ihrem Verbrechen erfuhr.

Grüne Ampeln bleiben rot

Eine andere Erklärung geht auf Verkehrspolizisten zurück. Diese standen früher an den Ampelanlagen und kontrollierten Autofahrer. Wenn ein Autofahrer trotz grüner Ampel nicht losfahren wollte, haben ihn die Verkehrspolizisten gefragt, ob er „Tomaten auf den Augen habe?“. Der Autofahrer sah immer noch rot, obwohl die Ampel längst grün war.
Redewendungen verschönern, ermahnen, machen sich lustig oder bringen das absurde Leben einfach philosophisch auf den Punkt. So, dass es jeder versteht.

Anke Reuss

1 Kommentar

  1. Annabelle von Rolowskaja

    Sehr geehrte Frau Reuss. Finde Ihre Texte erfrischend und informativ. Würde gerne mehr von Ihnen lesen. Auch Ihre Kollegen schreiben interessant.

    Hochachtungsvoll A. von Rolowskaja

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