Was ist das für sandiges Zeug, das wir am Morgen in den Augenwinkeln haben? Wie und warum der Augensand entsteht: Eine Spurensuche.

«Es ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Hände voll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen.» So blutig geht es in der Geschichte «Der Sandmann» von E. T. A. Hoffmann (1816) zu und her. Hier erscheint der Sandmann als Unhold und Kinderschreck, der die Kleinen zum Gehorsam ängstigt. Das ist keine Erfindung von Hoffmann, denn Gestalten, die müden Menschen Sand in die Augen streuen, finden sich in vielen Mythologien und literarischen Bearbeitungen.

Der Schlafbringer

Den meisten ist der Sandmann jedoch als harmloser Schlafbringer bekannt. So kennen wir ihn zumindest aus dem Radio und Fernsehen, wo «Unser Sandmännchen» schon seit 60 Jahren zum Abschluss des Tages eine Gute-Nacht-Geschichte mit sich bringt. Die freundliche Figur streut Kindern magischen Sand in die Augen, um sie einschlafen zu lassen. Die krümeligen Körnchen, die wir morgens in unseren Augen finden, zeugen vom Besuch des Sandmännchens. So süss diese Idee auch ist, gibt es natürlich auch eine wesentlich plausiblere medizinische Erklärung.

Der Abendgruss

Das Gutenachtlied «Der Abendgruss» ist seit DDR-Zeiten fixer Bestandteil der Sendung. Die meisten werden das Lied wohl gleich mitsingen können:

«Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht soweit,
wir lauschen erst dem Abendgruss,
ehe jedes Kind ins Bettchen muss,
du hast gewiss noch Zeit!»

Mikroorganismen statt Märchenfiguren

Diese hat mit Mikroorganismen zu tun statt mit Märchenfiguren. In der Nacht sammelt sich Tränenflüssigkeit auf dem Inneren der geschlossenen Augen. Diese bleibt als Film auf dem Auge liegen. Die Wärme und Feuchtigkeit bilden ideale Bedingungen für das Gedeihen von Bakterien.

Tagsüber verhindert das Auge durch den Blinzel-Mechanismus das Liegenbleiben des Tränenfilms. Ein Schutzmechanismus, der in der Nacht jedoch nicht einsetzt, da wir die Augen geschlossen halten. So können sich Staubpartikel und Sekrete ansammeln, wodurch der «Sand», den wir am Morgen im Augenwinkel finden, entsteht.

Nichts mit Märchen, Mythen und weissen Blutkörperchen zu tun hat die Redewendung «Jemandem Sand in die Augen streuen». Dieser Ausdruck geht zurück auf einen Trick römischer Gladiatoren: um den Gegner zu blenden, warfen sie ihm Sand in die Augen.

Wie schön ist es, dass das unser Sandmännchen meistens eine friedliche Figur ist, die schlimmstenfalls mal den Anfang macht zu einem bösen Traum. Ein böser Traum, dessen Hinterlassenschaften man wir uns am Morgen gähnend aus den Augen reiben können.

Gregor Szyndler

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