Es gibt eine Form der Blindheit, gegen die Sie in keiner Augenklinik Abhilfe finden: Gesichtsblindheit.

«Bei mehreren Gelegenheiten habe ich mich dafür entschuldigt, dass ich fast in einen großen, bärtigen Mann hineingelaufen bin, und dann habe ich bemerkt, dass ich das selbst im Spiegel bin.» – So berichtet es der Hirnforscher, Autor und von Gesichtsblindheit betroffene Oliver Sacks. Er hatte so grosse Schwierigkeiten, Gesichter zu erkennen, dass er nicht mal sein eigenes Spiegelbild erkannte. Ein Extremfall, zugegeben.

Gesichter und Geschichten verbinden

Gesichtserkennung ist das Resultat komplexer Gehirn-Vorgänge. Wir erkennen nicht das Einzelgesicht, sondern die Abweichung es Einzelgesichts vom Durchschnitt der täglich gesehenen Gesichter. Ausserdem geht es nicht «nur» ums Gesicht, sondern das Gesicht muss mit einer Geschichte verbunden werden – mit einer Erinnerung.

Personen mit Gesichtsblindheit sind ausserstande, andere Menschen anhand ihres Gesichts zu erkennen. Die damit verknüpften Herausforderungen im Alltag können im schlimmsten Fall dazu führen, dass sich Betroffene nicht mehr getrauen, soziale Kontakte zu pflegen.

Gehirnschäden als Ursache

Der Prosopagnosie liegen Gehirn-Schäden zugrunde. Als Ursache angeborener Gesichtsblindheit wird eine Genmutation vermutet. Betroffene, die seit Geburt gesichtsblind sind, merken gar nicht unbedingt, dass ihnen etwas fehlt. Sie entwickeln schon früh Strategien, damit umzugehen. Auffallender ist die erworbene Gesichtsblindheit, die nach Schädeltraumata, Kreislaufstillständen oder Hirntumoren auftreten kann. Eine Heilung ist in beiden Fällen nicht möglich. Folgende drei Arten der Gesichtsblindheit werden unterschieden:

Apperzeptive Prosopagnosie
Sie tritt nach Unfällen oder Schlaganfällen auf. Betroffene können weder Alter noch Geschlecht des Gegenübers aus dem Gesicht lesen und auch nicht vom Gesicht auf die Stimmungslage schliessen.

Assoziative Prosopagnosie
Auch sie ist erworben. Betroffene erkennen Gesichter, können sie aber nicht mit den Erinnerungen an bestimmte Menschen verbinden (assoziieren).

Kongenitale Prosopagnosie
Angeborene Gesichtsblindheit ist eine Teilleistungsschwäche. Betroffene behelfen sich, indem sie sich an Stimmen, Bewegungen, oder Kleidung orientieren. Ärzte diagnostizieren statt angeborener Gesichtsblindheit oft Autismus oder Asperger, da die Symptome, wie zum Beispiel Vermeidung von Augenkontakt, ähnlich sind. So entsteht durch diese Beeinträchtigung und durch die falsche Diagnose viel psychischer Stress.

Auch hierzu gibt es ein eindrückliches Zitat von Oliver Sacks, das hilft, sich die Gefühlslage betroffener Menschen vorzustellen: «Ich vermeide Konferenzen, Partys und große Menschenansammlungen, so gut ich kann, weil ich weiß, dass sie zu Ängstlichkeit und peinlichen Situationen führen werden. Ich scheitere nicht nur daran, Leute wiederzuerkennen, die ich gut kenne – ich begrüße auch Wildfremde, als wären sie alte Freunde.»

Während sich Wildfremde eventuell geschmeichelt fühlen, wenn sie wie alte Freunde begrüsst werden, ist es im umgekehrten Fall total anders. Wie Wildfremde begrüsste Freunde werden zumindest eine Zeit lang daran knabbern, Gesichtsblindheit hin oder her.

Gregor Szyndler

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