Wie sehr unsere Kunstwelt aufs Sehen ausgerichtet ist, zeigt sich, wenn Blindheit und Kunst aufeinander treffen. Je nach Kunstgattung kann man es sich besser oder weniger gut vorstellen, dass Künstlerinnen und Künstler blind oder stark eingeschränkt sind in der Sehleistung.

Den Atem des Dirigenten hören

Wenn es eine Kunstrichtung gibt, in der Frau Hinz und Herr Kunz am ehesten mit Blinden rechnen, dann ist das Musik. Ob Stevie Wonder, Blues-Legende Blind Willie McTell oder Andrea Bocelli, dem auch 27 Glaukom-Operationen das Augenlicht nicht retten konnten: Musik erreicht uns über die Ohren. Folglich spielt der Sehsinn eine untergeordnete Rolle.

Der blinde Pianist Nobuyuki Tsujii sagt, dass das Zusammenspiel mit Orchestern gar nicht so schwer sei. Schliesslich höre er den Atem des Dirigenten und seine Schritte – das genüge ihm als Hinweis auf seine Einsätze. Er hatte aber auch einen Klavierlehrer, der ein Lernsystem für ihn entwickelte und viele Stunden Arbeit investierte, um ihm auch nur schon ganz kurze Sequenzen neuer Werke beizubringen.

Film: Blindes Mädchen spielt blindes Mädchen

Im Film ist es üblich, dass sehende Schauspielerinnen und Schauspieler Blinde oder Sehbeeinträchtigte spielen. Die Regisseure nehmen den Schauspielern das Augenlicht mit Brillen oder Linsen und lassen sie so spielen. Das Resultat sind oft unbeholfene schauspielerische Leistungen. Zeit.de-Journalistin Christiane Link schreibt: „Sehende, denen man das Augenlicht nimmt, sind hilflos. Blinde Menschen, die daran gewöhnt sind, nichts zu sehen, sind das aber nicht.“

Wenn dann einmal ein blindes Mädchen ein blindes Mädchen spielt – wie in diesem Tatort – fällt das nicht unbedingt sofort auf. Warum auch? Es ist ja auch nur eine Rolle unter vielen. Eine junge Frau, die nicht sehen kann. Punkt. Die junge Schauspielerin Vreni Bock, blind geboren, erwartete bei diesem Dreh keine Sonderbehandlung. Vielmehr gestaltet sie ihr Spiel mit denselben Hilfsmitteln, die ihr im Alltag helfen.

Fotografie: Gläserne Türen überwinden

Nicht nur vor, auch hinter der Linse finden sich blinde Menschen. Etwa Pete Eckert, ein gefeierter Fotograf, der in seiner Jugend erblindete. „Ich nahm die Fotografie nicht ernst, bis ich total erblindet war“, schreibt er.

Eckert kreiert mit Mehrfachbelichtungen und Lichteffekten betörende Fotos. Über seinen Werdegang nach der Erblindung schreibt er: „Frauen sind mit gläsernen Decken konfrontiert. Blinde mit einer gläsernen Türe. Wir dürfen in die Berufswelt hineinschauen, werden aber nicht hereingelassen.“ Was in Bezug auf viele Künstlerinnen und Künstler stimmt, trifft aber nicht auf Eckert zu. Denn er gestaltet längst auch Werbekampagnen für VW.

Malerei: Malend nicht mehr blind sein

Während Eckert mit Licht und Mehrfachbelichtungen Kunstwerke zaubert, vertraut Eşref Armağan auf Öl- und Aquarell-Farben und seine Finger. Dieser berühmte türkische Maler kam zwar blind zur Welt, malt aber wie ein Sehender. Sein Talent wurde früh gefördert – sein Vater schenkte ihm Spielzeugversionen von Menschen, Autos und Häusern, die er ertastete und zeichnete. So macht er es bis heute.

Er sagt: „Wenn ich male, bin ich nicht mehr blind.“ Dies bestätigten auch Neurologen und Psychologen, die ihn beim Malen untersuchten. Seine Gehirnaktivitäten sind die gleichen wie bei Sehenden. Das faszinierende Fazit: Die Grundlagen des räumlichen Vorstellungsvermögens sind bei Sehenden und Blinden dieselben.

Strategien, Methoden und die richtige Hilfe

Es fällt auf, dass sich in allen Kunstsparten Beispiele von blinden Menschen finden. Ob blind geboren oder erblindet: alle fanden sie Strategien und Methoden, um mit dem Handicap umzugehen. Sie brauchen aber auch gezielte Unterstützung.

Alle erwähnten Künstlerinnen und Künstler bleiben unbeeindruckt, wenn Sehende ihre Kunst aufgrund der Blindheit besonders würdigen. Sie wissen vielleicht besser als viele sehende Kunstbetrachter, auf wie vielen Sinnesebenen Kunst stattfindet.

Gregor Szyndler

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zehn + 14 =