Pino Covino (49) arbeitet in der Vista Klinik in der Telefonzentrale. Schon als Kind konnte er weniger sehen als andere – seit zehn Jahren ist er ganz blind. Hier erzählt er, wie er seinen Alltag meistert ohne etwas zu Sehen.

Es ist Sommerzeit! Gehst du in die Ferien?
Pino Covino: Ja klar, ich kann alles normal machen. Meistens fahre ich mit meiner Familie und den Hunden nach Italien. Auch zu Hause auf dem Balkon ist es schön!

Wie kommst du im Alltag zurecht, ohne dich auf deine Augen verlassen zu können?
Pino Covino: Ich bin mit einem Blindenstock unterwegs. Es ist praktisch, dass meine Schwester auch in der Vista arbeitet, so komme ich meistens mit ihr. Wenn das nicht möglich ist, gehe ich alleine. Mein Alltag hat sich nicht gross verändert, seit ich ganz erblindet bin. Aber ich kann natürlich nicht mehr selbstständig überall hingehen, wo ich will. Ich brauche Hilfe und muss immer alles organisieren. Ich wohne mit meiner Frau, meiner Tochter und zwei Chihuahuas zusammen. Meistens mache ich die Sachen zusammen mit meiner Frau. Wir gehen oft zusammen einkaufen. Es gibt ja auch viele technische Hilfsmittel. Für Sehbehinderte hat sich vieles verbessert.

Was ist die Ursache deiner Sehbehinderung?
Pino Covino: Das ist ein genetischer Fehler, also eine Erbkrankheit. Von klein auf hatte ich Probleme mit meinen Augen, aber damals – vor 40 Jahren – wusste man nicht genau, was es ist. Erst mit 20 wurde ich aufgeklärt, was es für eine Krankheit ist. So ist es schubweise schlechter geworden.

Wie war es für dich, immer weniger zu sehen?
Pino Covino: Es hat mit Nachtblindheit angefangen. Ich hatte schon von Anfang an zu kämpfen, kann man sagen. In der Schule sass ich immer ganz vorne und habe bei meinen Nachbarn abgeschrieben. Aber ich konnte die Schule und eine Lehre ganz normal abschliessen. Danach arbeitete ich als Radio- und Fernsehverkäufer. Seit Anfang 2000 wurde es immer schlechter. Jetzt sehe ich nichts mehr, bloss hell und dunkel. Je nach Lichtverhältnissen sehe ich einen Schatten.

Siehst du etwas in deinen Träumen?
Pino Covino: Ja, ich habe bis vor 10 Jahren ja noch gesehen. So träume ich normal wie jeder andere auch.

Was sind deine Aufgaben hier in der Vista Klinik?
Pino Covino: Ich bin Vermittler in der Telefonzentrale und leite Anrufe weiter. Ich habe ein gutes Gedächtnis, die meisten Nummern kann ich auswendig. Sonst hilft mir die Sprachausgabe beim Computer.

Wie benutzt du den Computer?
Pino Covino: Ich habe ein spezielles Programm, mit dem ich alles mit der Tastatur bedienen kann. Anhand von Gumminoppen auf den Tasten kann ich mich orientieren. Ich habe ja schon hier gearbeitet, als ich noch sehen konnte. So kenne ich das Umfeld in- und auswendig.

War es schwierig für dich eine Arbeit zu finden?
Pino Covino: Für Sehbehinderte im Allgemeinen ist es natürlich schwierig. Ich hatte grosses Glück hier. Nachdem meine Augen schlechter wurden, habe ich eine Umschulung gemacht. Für den eidgenössischen Kaufmann brauchte ich eine Praktikumsstelle. So habe ich mich bei der Vista Klinik beworben und sie haben mich gleich genommen. Ich war davor schon Patient hier, so haben sie mich schon gekannt. Nach dem Praktikum erhielt ich eine Festanstellung. An dieser Stelle möchte ich mich gerne sehr herzlich bei der Vista Klinik bedanken für die Hilfsbereitschaft. Das finde ich sehr schön!

Behandeln dich die Menschen anders als früher, als du noch gesehen hast?
Pino Covino: Es kommen mehr Leute auf mich zu und sprechen mich an. So habe ich schon einige Bekanntschaften gemacht. Das habe ich gerne! Heute erkenne ich die Menschen an ihren Stimmen und Schritten. Jeder läuft in einem anderen Tempo.

Haben sich deine anderen Sinne stärker entwickelt, nachdem deine Augen immer weniger gesehen haben?
Pino Covino: Ja, sicher. Ich speichere viel mehr im Gedächtnis. Vom Gehör her weiss ich, wo ich gerade bin – ob das Trämli beispielsweise grad anhält. Das ist wichtig. Wenn auf der Baustelle der Presslufthammer so laut ist, dass ich nichts mehr höre, habe ich Schwierigkeiten mich zu orientieren. Dann warte ich einfach oder frage einen Passanten. Es gibt auch viele Leute, die mich ansprechen und fragen, ob ich Hilfe brauche. Sie sind sehr hilfsbereit. Sonst schreie ich einfach ins Tram hinein, ob dies die Nummer 1 oder 2 ist. Ich bekomme immer eine Antwort!

Dieses Interview führte Sara Bagladi